Feuerkreis Lieder
Der Piet am Galgen hängt - Kommentar
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Der Autor Mac (Erik Martin) schreibt in Südland 13:
"Dann kam der Montag nach Pfingsten ...
Wie das Lied »Der Piet am Galgen« entstand und welche die Hintergründe der dort erzählten Geschichte sind.
Da bekam ich eines Tages einen Brief von einer Göttinger Sippe des VDP: „Warum hast Du in dem Lied Der Piet am Galgen nicht geschrieben weshalb der Piet am Galgen hängt?“ Und eine andere Gruppe erkundigte sich: „Ist der Piet eigentlich eine historische Gestalt?“
Fragen dieser Art und nach der Entstehung des Liedes bringen mich etwas in Verlegenheit, denn die Spur verliert sich im „gruppen- historischen“ Dunkeln.
Die autonomen Horten, die ich einige Zeit lang führte, hatten in der Nähe im deutsch-niederländischen Grenzwald, ein wunderbares Fahrtengebiet, wo wir unzählige Wochenenden verbrachten. Die zugewachsenen Ruinenreste eines mittelalterlichen Gehöftes, die wir eines Tages dort entdeckten, regten unsere Phantasie an. Die Geschichten, die ich davon herleitete und in besonderen Nächten erzählte, hatten nur vage etwas mit dem Historischen dieser Gebäudereste zu tun: eine Art „Piet-Zyklus“ entstand. Vor kurzem fiel mir eine uralte Hortenzeitschrift in die Hände, in der vermutlich der einzig erhalten gebliebene Text aus jenen Zeiten steht, über:
Die Jugend des Piet
„Vor vielen hundert Jahren lebte in Bracht ein Hütejunge, der die Schweine und Schafe von vier Bauern, eine ganz beachtliche Herde also, während der helleren Jahreshälfte in der Heide weiden musste. Ihr solltet wissen, dass der Grenzwald damals anders aussah als heute. Er bestand aus großen Sand-, Heide- und Ginsterflächen; dazwischen lagen Inseln aus Eichen- und Wacholderbeständen. Die Bauern trieben ihre Rinder- und Schweineherden zur Mast in diesen unwirtlichen Bereich ...
Der Hütejunge, von dem ich erzähle, war damals 12 Jahre alt, hieß Piet und endete später am Galgen. Ganz richtig, ihr kennt das Lied von seinem Tod, aber heute erfahrt ihr zunächst etwas aus seiner Jugend, die er, ein Waisenkind aus der Pestzeit, in der kinderreichen Großfamilie des Bauern Sandemaakers verbrachte. An Piet wurde der angestaute Ärger des Tages losgelassen. Er gab für alle den Prügelknaben ab. So war er denn froh, wenn er im Mai seine Tage und Nächte wieder in den Heidewäldern verbringen konnte, wo ihn niemand belästigte. Natürlich gab es damals noch vereinzelt Wölfe, verwilderte Hunde, versprengte Landsknechte, denen man aus dem Weg gehen musste. Auch waren die Schweine von boshafter Eigenwilligkeit und verschwanden bei jeder Gelegenheit ... In einem Frühjahr war es besonders herrlich. Die Sonne schien vorsommerlich warm. Die Schweine zerwühlten den Boden nach den Eicheln des vergangenen Jahres, die Schafe mähten Heide und frisches Gras, und Piets Hund, ein wuschelig- verstrupptes Fellbündel, das hin und wieder sogar auf den Namen „Näggel“ gehorchte, brachte schwanzwedelnd und stolz ein kleines Karnickel herbei. Es war endlich einmal eine Lust zu leben ...
Dann kam der Montag nach Pfingsten, ein Unglückstag, der alles änderte. Morgens fand Piet zwei Schafe von Wölfen zerrissen. Sollte er das, was von ihnen übrig geblieben war. dem Bauern nach Bracht bringen? Während er noch überlegte, vernahm er Pferdegetrappel. Es nahten zwei Reiter, und von weitem schon sah er, dass es üble Gesellen waren, Treibgut des langen Krieges, aber er konnte ihnen hier und mit seiner Herde nicht ausweichen. Schon waren sie da und nahmen sich zwei Lämmer und ein Schwein, das sie sogleich abstachen und am schnell entfachten Feuer zubereiteten. Piet war für sie ein Nichts, und als er mit seinem Hütestock heulend, wütend, verzweifelt auf sie einschlug, nahm einer seinen Spieß und schlug ...
Stundenlang versuchten Piet und Näggel die Herde wieder zusammenzu- treiben, aber einige Tiere blieben verschwunden. Piets Kopfwunde brannte höllisch, und als er am Abend erschöpft am Boden lag, kam sein Bauer daher, der Sandemaakers...
(Natürlich schlug der Bauer ebenfalls zu, er tötete dabei den Näggel, um dessen Geist sich weitere Grenzwaldgeschichten rankten, und als Piet wie- der allein war, richtete er einen fürchterlichen Schwur gegen Bracht und den Sandemaakers – auch daraus entwickelten sich wieder Geschichten.)
Am nächsten Morgen nahm Piet sein Schaffell und zog nach Osten. Er blieb ein vom Unglück verfolgter Mensch und endete auf tragische Weise, – jedoch das ist eine andere Geschichte.
Soweit also die – stark gekürzte – wiederentdeckte „Piet-Story“. Es gab Kohtenbuch-Sprüche und -Reime über Piet und den Näggel, zum Teil so fürchterlich sentimental, wie manches, das in Lieder- und Kohtenbüchern zu finden ist, und irgendwann hat sich daraus das Galgenlied entwickelt („Wir finden das Lied schön, aber sehr traurig“, schrieb die oben erwähnte Sippe dazu – „Und ein wenig kitschig“, darf ich aus dem Abstand der Jahre ergänzen), das dann auch zu vie len Parodien reizte. Ich fand allein zwei in den „Abeitsblättern der Deutschen Freischar“, eines trug den Refrain: „Wenn die Nacht sich über Berge schwingt, wir längst erfroren sind.“
Nebenbei: Man kann die Noten auch – nur instrumental – sehr schnell mit einem sich steigernden „drive“ spielen (sie passen dann natürlich nicht mehr zum Text) und bekommt auf diese Weise eine völlig andere, eindringliche Musik, aber das ist für manche schon fast „blasphemistisch“.
Mac"
gefunden bei: Basti, Pfadfinderbund Horizonte